Bisher habe ich in diesem Satz nichts besonderes sehen können. Ich hatte nie das Gefühl,  mich zwischen diesen beiden Varianten entscheiden zu müssen. Tatsächlich war ich wohl der Meinung, dass ich sowieso mit meiner Ansicht Recht hätte, wenn ich das eben so sah. Klar, juristisch geprägter Verstand erfasst, analysiert und bewertet und kommt zu dem Ergebnis, das “richtig” ist. Durch das Yoga kommen die Bemühungen hinzu, nicht zu vergleichen und nicht zu bewerten. Mit dieser  Mischung  komme ich inzwischen recht gut klar. Immer seltener falle ich auf die alten Denkstrukturen rein – so scheint es zumindest.

Bis dann eben mal wieder so ein Aha-Moment eintritt. Und genau das geschah, als ich neulich die Frage “willst Du Recht haben – oder glücklich sein” las. Die Frage ist nicht, was ich als “richtig” ansehe, ob ich das neutral feststelle, oder gar nicht. Es geht um das “haben wollen“. Etwas als richtig ansehen ist per se wunderbar. Diese spirituellen Ansätze, wonach es kein richtig und kein falsch gibt, sind grds. wahr. Aber im Alltag muss ( kein Giftwort!) ich mich entscheiden, ob es richtig ist über die rote Ampel zu fahren oder nicht  (in Spanien ist das oft richtig, weil eh` keiner kommt….).

Natürlich darf ich meine Meinung haben, was für mich richtig ist. Nur wenn ich das dann auch so haben will, mache ich zu, verschließe ich mich. Dann will ich, dass der andere es auch so sieht, es so macht,…. und das kann auch ganz versteckt so sein.

So hatte ich bis neulich den Eindruck, für die Meinungen der anderen total offen zu sein und mich auch in sie herein versetzen zu können (klar, Mitgefühl usw.) – bis ich erkannte, dass es mir tatsächlich darum ging mein Gegenüber zu sehen – um ihm dann klarzumachen (natürlich mitfühlend und freundlich), dass es tatsächlich so sei, wie eben ich es sah. Das war dann das “Recht haben wollen”, das da hochkam. Es geht nicht um Konflikte, ob ich mich bei denen durchsetzen möchte, sondern ganz subtil um die große Frage – wie neutral kann ich den anderen so sein lassen wie er/sie ist.

Kann ich m eine Meinung vertreten, ohne Erwartung? Ohne Hoffnung, dass der andere sich überzeugen/einfangen lässt? Kann ich ich sein, ohne von dem anderen irgendetwas zu wollen?

Dann kann ich wirklich offen im Moment sein – und so den natürliche Zustand der “Happiness” erfahren.

Darum geht es im Pratyahara -Die fünfte Disziplin der 8 Arme des Yoga: die Beherrschung der Sinneswahrnehmung. Ahara bedeutet soviel wie Nahrung und Pratayahara heißt „mich von dem zurückziehen, was mich nährt“. In Pratyahara wird die Verbindung des Geistes und der Sinne getrennt. Die Sinne ziehen sich von den Objekten zurück. Obwohl die Gegenstände weiterhin existieren, lassen sich die Sinne in diesem Zustand nicht beeinflussen. Sie reagieren nicht mehr auf äußere Reize. Der Geist wird nicht mehr von Außen genährt. Die Sinne ruhen – sie richten sich auf das Innere. Es ist das Nach-innen-Lenken der Aufmerksamkeit. Der Mensch von heute ist derart extern orientiert, dass eine innere Schau fast unmöglich erscheint, aber durchaus diszipliniert -mit Geduld und Freude!- erarbeitet werden kann.

Ich liebe es solche Erfahrungen -anhand von inspirierenden Fragen- im Alltag zu machen. Wenn es plötzlich so aufploppt und ich erfahre, was ich gelernt habe. Nur durch die Erfahrung kann sich was wahrhaftig verändern.

Ich kann die theoretischen Erläuterungen über den Weg des Yoga 100 mal lesen – ohne es auf tiefer Ebene umzusetzen. Erst die Erfahrungen bringen es tiefer. Darum wollte Yogi Bhajan auch nicht mehr Schüler, sondern mehr Lehrer. Durch das Unterrichten von Kundalini Yoga und die passenden Erfahrungen im Alltag können wir die Weisheiten dieser transformativen Technologie “integrieren”.

Darum geht es mir – Erkenntnisse im Alltag zu erfahren und umzusetzen. Erkenntnisse auf der Yogamatte sind schön und gut – ich will diese mit in den Alltag nehmen! Kann und will schließlich nicht immer auf der Yogamatte sitzen 🙂